Madeira, wir kommen!
Noch einen Tag, bevor die Reise nach Madeira losgehen sollte, war ich, im Gegensatz zu meiner Frau, die Ruhe selbst. Na gut, vielleicht nicht so ganz. Als ich die Koffer mit Gewalt zumachen musste und feststellte, dass die Dinger so schwer waren, als hätte meine Frau unser gesamtes Kleidungsinventar darin verstaut, wurde ich schon etwas unruhig. Aber alle Argumentation über maximales Gewicht, meinen geschundenen Rücken und so weiter half nichts. Sie hatte nur das nötigste eingepackt, und schließlich wusste man ja nicht, welches Wetter uns erwarten würde. Also gut, ich gab auf. Diese Insel wird zwar als die Insel des ewigen Frühlings bezeichnet, aber man weiß ja nie – ausgerechnet, wenn wir kommen, könnte es ja einen Wintereinbruch geben. Okay, es gibt Bergwanderungen auf Madeira, bei denen es tatsächlich Wetterstürze geben kann. Vielleicht machen wir so was ja mal – muss man dann aber gleich für jeden Tag „Wettersturzklamotten" mitnehmen? Aber ich sagte nichts mehr. Wenn der Flieger wegen unserer Koffer ins Meer fiele, spätestens dann würde sie wissen, dass ich Recht hatte.
Nun stehen wir am Flughafen Düsseldorf in einer schier endlosen Reihe von Touristen. Wollen die tatsächlich alle auf die kleine Insel, die laut Reiseführer gerade mal 57 Kilometer lang und 23 Kilometer breit ist? Unvorstellbar. Die Koffer werden aufgegeben, ein unauffälliger Blick auf die Waage zeigt, dass wir das Maximalgewicht (20 kg pro Koffer) noch unterschritten haben. Na, wird sie jetzt triumphieren? Nein, das hebt sie sich bestimmt für später auf, Gott sei Dank, nicht hier, vor der netten Dame, die uns die Flugscheine überreicht. Ein paar Meter später bekomme ich einen Spruch reingedrückt - jedem das, was er verdient. Ist schon okay.
Nachdem das Einchecken über die Bühne gegangen ist, bleibt nicht mehr viel Zeit. Kurz noch eine Kleinigkeit essen, eine Beruhigungszigarette, und dann geht es auch schon in den Flieger. Vier Stunden Flugzeit sind angesetzt, aber bereits nach dem Start hören wir von unserem Piloten, dass es wohl etwas länger dauern wird, da wir kräftigen Gegenwind haben, und unterwegs mit einigen Turbulenzen zu rechnen ist. Dies, und die Tatsache, dass unser Flugzeugführer den klang- und verheißungsvollen Namen „Kapitän Göbel" mit sich herumschleppen muss, macht es für mich nicht leichter. Ich bin kein Vielflieger, und mir schwebt noch eine unangenehme Flugerinnerung vor, die zwar schon ein paar Jahre zurückliegt, mich aber immer wieder erschaudern lässt. Auf den angepriesenen Film des Bordkinos kann ich mich nicht konzentrieren. Bereits nach wenigen Minuten lege ich die Kopfhörer zur Seite, und schaue aus dem Fenster. Meine Frau amüsiert sich prächtig mit Harry Potter – die Glückliche!
Land um Land gleitet unter uns hinweg – Belgien, Frankreich, irgendwann Portugal und wir fliegen über offenes Meer. Klarer Himmel, blaue See – was will man mehr. An die kleineren und größeren Schaukeleien bei den Turbulenzen habe ich mich inzwischen gewöhnt. Obwohl der Typ da vorne an den Schaltern „Göbel" heißt, hat er offensichtlich nicht vor, uns zu selbigem zu bringen. Toll, die Tüten bleiben heute leer. Obwohl, ums Essen wäre es nicht sonderlich schade gewesen, habe schon bessere Mahlzeiten vorgesetzt bekommen. Das ich dafür ein paar Stunden später mehr als entschädigt werden würde, kann ich ja jetzt noch nicht wissen.
Plötzlich heißt es: „anschnallen, Reiseflughöhe wird verlassen, Anflug auf Funchal!" Es ist zwar nirgendwo Land in Sicht, aber er wird schon wissen, was er tut. Hoffe ich. Schließlich ist es ja Käpt'n Göbel und nicht Käpt'n "Notwasserung" oder "Bruchpilot", der den Vogel steuert. Nach etlichen Minuten dann doch Land zu sehen, innerlich atme ich auf. Aber was ist das? Ich sehe nur drei ziemlich kleine und öde anmutende Felsbrocken im Meer – das soll Madeira sein? Nein, es sind die „Desertas", aber davon später mehr. Jetzt, nach einer kleinen Kurve sehe ich die Insel, das kleine Stückchen Land im endlos erscheinenden Meer, welches mich in Kürze in seinen Bann gezogen haben wird. Sieht vielversprechend aus, aus der Vogelperspektive betrachtet. Kann sich sehen lassen. Nach einer weiteren Kurve fällt mir ein aus der Höhe recht klein aussehender Steg auf, der ins Meer gebaut zu sein scheint. Mir kommt ein böser Verdacht, eine Ahnung, die mir eine Gänsehaut über den Rücken jagt – soll das etwa die Landebahn sein? Ein paar Sekunden später, als der Flieger eine große Schleife auf das Meer nimmt um anschließend Kurs auf die Insel zu nehmen, sind zwei Dinge klar: der Pilot hat eine Macke, und mir ist das Bier auf dem Flughafen in Düsseldorf wohl nicht gut bekommen – oder ist es andersherum? Wie dem auch sei, dieser Steg ist offensichtlich die Landebahn, und ab jetzt geht alles ganz schnell. Mein Leben zieht in Sekundenbruchteilen an mir vorbei, ich bemerke eine ziemlich heftige Vollbremsung, dann starke Vibrationen und Lärm, als der Pilot die Schubumkehr aktiviert. Etwas später stehen wir. Halleluja, nicht auf der anderen Seite ins Wasser gefallen. Im Flugzeug bricht ein Sturm der Begeisterung los, beinahe „standing ovations" auf allen Rängen. Mir wird klar, dass ich nicht der einzige war, der diese Landung als (gelinde gesagt) sehr spannend empfunden hat. Und obwohl ich dieses Touri-Gehabe nicht mag (ein Pilot macht auch bei der Landung „nur" seinen Job, ich werde bei meiner täglichen Arbeit auch nicht beklatscht), muss ich zugeben, dass auch mich ein Gefühl der Erleichterung überkommt, jetzt, wo wir endlich stehen. Damit ist das Kapitel „Anreise" fast erledigt. Beim Aussteigen schaue ich mir die Landebahn noch mal genauer an – und verdränge erfolgreich jeden Gedanken an die Rückreise, die bestimmt auch wieder ziemlich spannend werden wird. Denn dieser ins Wasser auf Pfeiler gebaute Asphaltstreifen ist auch gleichzeitig Startbahn. Sicher eine logistische Herausforderung, wenn man bedenkt, dass jährlich Hunderttausende Touristen diese Insel besuchen. Aber jetzt nicht mehr daran denken, sondern das Leben genießen. Hurra, wir leben noch.
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Der Flughafen von Madeira.
Der Transfer zum Hotel geht reibungslos und schnell über die Bühne, und bereits auf der Fahrt wird klar: diese Insel ist etwas Besonderes. Vom Meer aus direkt steil ansteigendes Land, schmiegen sich wundervoll gestaltete kleine Häuser in die Hänge, jedes Haus mit einem kleinen, liebevoll gestalteten Garten, umgeben von Terrassenfeldern, auf denen nicht nur Wein angebaut wird. Sehe ich da etwa Bananenplantagen? Tatsächlich. Und Blumen, überall, wo man hinsieht; eine Farbenpracht, die überwältigend ist. Ein Blick zu meiner Frau zeigt mir, dass es ihr ähnlich ergeht, wie mir. Bereits nach wenigen Minuten sind wir beide verliebt.